Das Wichtigste ist die Begeisterung für die Sache und sich dem Wettbewerb zu stellen
Jahrgang 1956, Studium der Architektur an der TU Braunschweig und RWTH Aachen, Diplom 1981. Selbständig seit 1984 als Architekturbüro Gatermann + Schossig. Lebenspartnerschaft, zwei Kinder.
Sicherlich habe ich keinen typischen Werdegang. Ich bin 1956 in Hamburg geboren und dort auf ein Mädchengymnasium gegangen. Studiert habe ich in Braunschweig und Aachen. Ich habe an zwei Unis studiert, um verschiedene Haltungen zu erleben. Nach meinem Wechsel an die Universität in Aachen wurde ich in einer sehr kleinen Gruppe von Gottfried Böhm betreut. Wir waren sechs Studenten. Er hat sich jede Woche einen Tag Zeit für uns genommen. Das war enorm viel. Er fragte mich damals kurz vor dem Diplom – ich war gerade nach Köln umgezogen - ob ich nicht Lust hätte, an "einer Art Wettbewerb" teilzunehmen. Ich war begeistert, endlich nichts Theoretisches mehr. Das war dann der Entwurf für das Züblinhaus in Stuttgart-Fildern. Ein 50 Millionen Verwaltungsbau, eine ganz neue Typologie, und bald stellte sich heraus, dass wir als einziges Büro daran arbeiteten. Böhm hatte eine kleine Skizze und setzte mich daran. Ich habe auch die Projektabwicklung begonnen. Es musste ein Büro in Stuttgart aufgebaut werden, das Team erweiterte sich. Eigentlich sollte ein erfahrener Projektleiter dorthin kommen, aber der wollte nicht ins ferne Stuttgart. Also schlug Gottfried Böhm dem Vorstand von Züblin mich als Projektleitung vor. Dass ich noch gar kein Diplom hatte, durfte niemand wissen. Ich bekam die Vollmachten und die Projektleitung. Heute muss ich dazu sagen: grandios. Er war mein Lehrer und ist eine sehr geschätzte Person von mir geworden. Ich würde es mir ein paar Mal überlegen, ob ich einer 25-Jährigen ein 50 Millionen Projekt geben würde.
Die Diplomarbeit habe ich dann "zwischendrin" gemacht. Mir war es auch egal, ob ich angestellt oder freiberuflich war. Ich wollte die Sachen machen und das andere regelte sich irgendwie. Ich hatte die künstlerische Oberleitung des Projektes, war ein Jahr ganz in Stuttgart und danach bin ich gefahren. Zur Einweihung 1985 kam ich dann mit meinem dreiwöchigen Sohn. Ich war da sehr unbedarft. Ich habe in Stuttgart die ganze Zeit nur mit Männern gearbeitet, aber dass meine Schwangerschaft irgendwelche Auswirkungen auf sie haben könnte, war überhaupt kein Thema. Das Projekt war ja auch schon fast fertig. Damals ging es mir nur um die Architektur und das Projekt. Das Wichtigste überhaupt ist die Begeisterung für die Sache. Das absolute Wollen, eine Sache so gut zu machen, wie es geht. Dadurch relativieren sich manche Randbedingungen; viele Frauen haben aber Probleme damit. Wir sind im Bezug auf Kinder einen anderen Weg gegangen. Ich habe zwei Kinder, Felix wurde 1985, Charlotte 1989 geboren. Wir haben uns mit Freunden zusammengetan und eine Kinderfrau engagiert. Es gab "Mamawochen" und "Papawochen". Wenn die Kinderfrau ausfiel, war der zuständig, in dessen Woche das fiel. Das halten wir heute noch so.
In den 80er Jahren habe ich mit 2 Partnern das Büro in Köln gegründet, von der Pike auf, wie es sich gehört. Wir haben mit kleinen Sachen angefangen, Arztpraxen und Dachausbau. Dann folgte die Rimowa-Kofferfabrik. Wir sind mit einem Konzept gegen Fertigbauteile angetreten und bekamen eine Auszeichnung beim Deutschen Architekturpreis dafür. Wir haben viele Wettbewerbe gemacht. Doch die andere Schiene als junges Büro war, das Projekt, egal, wie groß es war, auf den Punkt zu bringen, so gut zu machen, wie es geht. Es folgten der Deubau-Preis und der Preis für junge Künstler des Landes Nordrhein-Westfalen. Das Gute daran war, dass wir zu etablierten Wettbewerben eingeladen wurden. Auch wenn wir nicht immer den ersten Preis machten. Wir kamen weiter ins Gespräch und der Kreis wurde größer. Das waren wiederum Mosaiksteine für größere Projekte, es baute sich nach und nach auf. Natürlich ist es wichtig, sehr gute Sachen zu machen und sie auch darzustellen, zu publizieren. In jedem Fall nach außen treten und sich dem Wettbewerb stellen. Man muss auch verlieren können und Kraft daraus ziehen, sich sagen können: nächstes Mal bist Du ganz oben! Dieses Lernen geht immer weiter. Man muss offen und neugierig sein. Nach dem Studium entwickelt man erst mehr die inhaltliche Haltung zur Architektur. Dann kommen vielleicht Akquise, Vorträge oder betriebswirtschaftliche Dinge. Wir Frauen wollen alle gerne ein gutes Team haben, eine faire Art miteinander umzugehen, aber die Auseinandersetzung dürfen wir auch nicht scheuen.
Wir sind heute 30 Leute im Büro. Elmar Schossig, mein Lebenspartner, und ich haben die Leitung, Dietrich Mengel betreut schwerpunktmäßig die Schnittstelle zur Ausführung. Wir haben langjährige Projektleiter. Es gibt keine Bauzeichner. Wir können jede Projektgröße abwickeln und machen die Entwürfe noch selber. Viel Zeit geht natürlich in die richtige Zusammenstellung der Teams, in die Akquisition oder in inhaltliche Vorträge. Wir wollen aber nicht zum reinen Manager werden, sondern auch die inhaltlichen Dinge bestimmen. Einer betreut jeweils ein Projekt, der andere ist der Kritiker. Es gibt fast kein Projekt, wo wir beide wirklich gleichberechtigt an der Spitze stehen. Es ist spannend, welche Projekte man gerade macht. Jeder von uns macht Wettbewerbe. Da sitzen wir häufig zusammen und besprechen die Konzepte. Einer führt es dann aus.
Der Frauenanteil bei uns im Büro liegt um die 40 Prozent. Leider haben wir im Moment keine Projektleiterin. Wir hatten eine sehr gute, die nach sieben Jahren gegangen ist, weil sie ein anderes Büro kennenlernen wollte. Projektleiter sein heißt immer noch, voll da zu sein. Wenn Frauen dann Kinder bekommen und meinen, für ein oder gar für drei Jahre aus dem Beruf gehen zu müssen, das halte ich für ganz schlecht. Das ist ein Bruch in der Zeit. Es ist immer noch schwierig, diese Familienkiste zu integrieren. Ich habe nie aufgehört zu arbeiten. Allerdings haben wir bis heute eine Haushälterin, die den ganzen Background – Putzen, Wäsche, Kochen - erledigt. Für die Kinder habe ich zwei Nachmittage in der "Mamawoche", also alle zwei Wochen reserviert. Das ist ein fest gebuchter Termin, wie ein Projekt. Sonst war ich aber immer präsent im Büro. Frauen müssen lernen, Kinder auch abzugeben. Die Väter können das genauso gut. Für Bauherrn ist dies kein Thema und wenn doch, dann muß klargemacht werden, dass es zwar Kinder gibt, aber auch einen Papa und eine Haushälterin. Wir sind Profis in dem Bereich und nicht nur halbe Architektinnen, weil wir immer noch halbe Mütter sein müssen! Ich glaube, Frauen brauchen nichts anderes als die Männer auch. Die Kriterien, einen Architekt oder eine Architektin einzustellen, haben mit Qualifikation, mit Eigendarstellung, mit Fähigkeiten zu tun. Der einzige Unterschied ist eine Frage der Einstellung, ob die Frau vermittelt, dass sie wirklich die Architektur als Priorität sieht oder demnächst in Erziehungsurlaub geht. Ich selber halte das ganze Mutterschaftsgedödel für das Schlimmste. Die Bauherren wären sehr gut bedient damit, wenn sie über die Hürde springen und mehr Großprojekte an Frauen vergeben. Die jungen Architektinnen sind oft genauer, sehr hart an der Sache. Das Gockelverhalten ist ihnen fremd, also verliert man damit keine Zeit.
Unser Schwerpunkt liegt im Verwaltungs- und Industriebau. Wir machen aber das ganze Spektrum, denn das ist der Reiz daran. Das ist Luxus, den wir uns erhalten. Jetzt mache ich ein Museum. Das ist spannend, weil wir bisher noch kein Museum gebaut haben. Ein anderer Bereich ist Wohnungsbau. Wir haben gerade den Kölner Architekturpreis für sozialen Wohnungsbau bekommen. Vor kurzem hatte die Orgatec bundesweit zum Thema Verwaltungsbau eingeladen. Es waren 500 Zuhörer im Plenum, darunter viele Frauen. Ich war aber die einzige Frau von allen Vortragenden. Da gibt es noch eine große Diskrepanz.
Daneben mache ich sehr viele Jurys, unter anderem für den Stahlbauförderpreis, für den Betonverband in Köln oder jetzt den Deutschen Architekturpreis. Diese Förderpreise finde ich sehr gut; das ist mein kleiner Part auch von Nachwuchsförderung. Ich halte aber gar nichts von spezieller Architektinnenförderung. Das ist ein Ghetto. Natürlich müssen Frauen überall mit hinein, ihren inhaltlichen Beitrag bringen. Da sind Vorbilder super wichtig. Es gibt erst acht Prozent Professorinnen. Ich hatte zwar Anfragen von Hochschulen für eine Professur, aber dann hätte ich nicht mehr bauen können. Es wäre zuviel gewesen in der Situation mit den Kindern. Man muss sich schon überlegen, wo setze ich meine Kraft ein. Ich war neun Jahre im Vorstand vom Bund Deutscher Architekten und bis heute betreue ich das Kölner Stadtmodell.
Ich gebe zu, dass mich früher nur die inhaltliche Architektur interessiert hat. Die Randumstände, dass ich meinen Beruf als Frau mache, habe ich einfach ausgeblendet. Das hat sich geändert, auch durch die Freundschaft zu Alice Schwarzer, die sich beim Umbau des Frauen-Media-Turms am Rheinauhafen entwickelte. Sie sagte: "Komm, ich kann verstehen, dass Dich nur Deine Architektur interessiert. Aber ein kleines bisschen kannst Du auch zur Frauenförderung beitragen. In Deiner Position kannst Du dir das locker leisten!" Also leiste ich heute meinen Beitrag, so gut es eben geht. Letztes Jahr habe ich beim Projekt von Frau Kristin Schultz-Coulon "Architektinnen berichten" mitgemacht. Aber ich lasse mich nicht vor den Karren irgendeiner Frauenorganisation spannen, dafür habe ich zuwenig Zeit.
weitere Seiten:
Bei Problemen mit der PDF-Generierung klicken Sie bitte mit rechts auf das Icon und wählen Sie 'Ziel speichern unter...'